Nun kommt er wieder, der „Dry January“. Meine Devise ist eher „Nicht kippen, nippen!“ Also bewusst genießen. Deshalb werde ich persönlich nicht mitmachen, habe aber Hochachtung, vor jedem der es macht.

Folgenden Text habe ich gefunden und finde ihn lesenswert. Dort werden auch alkoholfreie Biere, Weine etc. angesprochen – nicht nur für Autofahrer eine genussvolle Alternative.
Es ist eine Meinung, nicht meine Meinung, aber ein Plädoyer für Toleranz in beide Richtungen. Das gefällt mir:
Bald ist es wieder so weit: Der Dry January wird uns schon bald wieder morgens aus der Tageszeitung ins Gesicht schreien und zur Mäßigung mahnen. Schon am ersten Tag des Jahres prallen zwei Haltungen unsanft aufeinander: Die einen haben gerade an Weihnachten und Silvester gezecht, dass die Schwarte krachte, die anderen propagieren die neue Askese. Dabei könnte man sich vielleicht die Abstinenz im Januar gänzlich sparen, wenn man auf den Totalausfall Ende Dezember verzichten würden, dies sei kurz vorausgeschickt.
Zugegeben, es sind wohl wieder einmal die bösen Boomer und auch die danach folgende Generation X, der auch ich angehöre, die derartig über die Stränge geschlagen haben, dass die Jungen nun angewidert die genau gegensätzliche Richtung einschlagen – Geschichte verläuft ja bekanntlich in Wellenbewegungen.
Rotwein als Medizin oder „No safe level“?
So wurde über Jahrzehnte die Beobachtung penetriert, dass Franzosen trotz ihrer fett- und kalorienreichen Ernährung plus reichlich Wein relativ selten an Herzerkrankungen und Übergewicht leiden – das sogenannte französische Paradoxon also. Das kann ja nur an den Antioxidantien im Vin Rouge liegen, redete man sich ein – und bekam die wissenschaftliche Erklärung vom Deutschen Weininstitut gleich mitgeliefert. Gutes Gewissen inklusive.
Jetzt also kommt die späte Rache – in Gestalt von Experten wie dem Gesundheitsguru und Bestsellerautor Bas Kast, der sein Buch „Warum ich keinen Alkohol mehr trinke“ in Talkshows und in Zeitungsinterviews bewerben darf und dem gemeinen Volk mit Strenge sagt, jeder Schluck Alkohol erhöhe das Krebsrisiko und das vermeintlich gesunde Gläschen am Abend sei ein Mythos. Wirklich belastbare wissenschaftliche Beweise bleibt er allerdings ebenso schuldig, wie jene, die das Gegenteil nachweisen wollen. „No safe level“ heißt das Mantra, das, angeführt von der WHO, Akteure der Public-Health-Community in die Welt posaunen und einem jede Freude an einem guten Tropfen verleiden wollen.
Gefahren nicht verharmlosen
Noch stärker verging einem – zumindest vorübergehend – der Appetit nach Eckart von Hirschhausens TV-Dokumentation vom letzten Januar, in dem er die fatalen Wirkungen von Alkoholmissbrauch in allen Facetten zeigte – bei einem Besuch in der Krankenstation des Münchner Oktoberfests, im Gespräch mit einem Hamburger Obdachlosen, der durch den Suff alles verlor, bis zu der jungen Frau mit Fetalem Alkoholsyndrom, die schon vor ihrer Geburt vieler Lebenschancen beraubt wurde. „Alkohol zerstört so viel mehr als die Leber“, folgerte Hirschhausen, und mahnte, die Gefahren nicht zu belächeln oder zu verharmlosen.
Natürlich sind diese Schicksale mehr als traurig. Und auch mit der Verharmlosung hat der Journalist und studierte Arzt freilich Recht. Gerade bei den Älteren herrscht oft noch die Unsitte, ihre Tischgenossen der Spielverderberei zu bezichtigen, wenn diese sich fürs alkoholfreie Bier oder den Orangensaft entscheiden. „Komm schon, einen kannst du doch trinken“, hört man da, oder als junge Frau gerne mal „Bist du schwanger, oder was?“. Wie übergriffig ist das, bitte? Bei uns in der Pfalz trinken sie ihre Weinschorle aus 0,4 Litern Wein und hundert Millilitern Wasser, und wer darunter bleibt, bekommt zu hören, Schluckimpfung gebe es beim Doktor. Das alles geht gar nicht, das sage ich mit Nachdruck!
Selbstoptimierung mit religiösem Eifer
Und doch sehe ich auch die andere Seite der Medaille: Ein guter Wein ist ein wunderbarer Essensbegleiter, das eine oder andere schöne Bierchen macht eine gesellige Runde perfekt und ein richtig guter Whisky unter Kennern kann lange in positiver Erinnerung nachhallen. Alkohol als Kulturgut, mit anderen Worten. Dies sagt man aber besser in manchen Kreisen nicht, denn heute steht bei vielen nur noch die Gesundheit im Fokus, der Trend zur Selbstoptimierung ist allgegenwärtig. Mit religiösem Eifer beschwören sie täglich in den Medien die Gefahren und fordern gleichsam die Teufelsaustreibung.
Gerade die Jungen werden von ihren Smartwatches regelrecht versklavt – steh auf, denk an dein Schrittziel, trink mehr Wasser, atme! Was für ein Stress. Und dann das Schlaftracking: Kaum hat man ein Glas Wein getrunken, sagt es einem, man habe schlecht geschlafen. Bin ich von gestern, wenn ich anmerke, das hätten wir früher noch selbst gemerkt – und vielleicht sogar für einen feucht-fröhlichen Abend mal in Kauf genommen?
Immer mehr alkoholfreie Alternativen
Dabei sind wir doch eigentlich auf einem guten Weg: Der Alkoholkonsum ist in den letzten Jahrzehnten bereits deutlich zurückgegangen, die jungen Leute saufen sich nicht mehr ins Koma, und auch das Angebot an alkoholfreien Alternativen ist zuletzt enorm gewachsen. Lieber weniger trinken, aber in guter Qualität, lautet für immer mehr Menschen die Devise. Und: Zu besonderen Gelegenheiten kann man sich mal etwas gönnen. Das klingt doch nach einer Empfehlung, mit der es sich gut leben lässt.
Doch statt diese stärker zu bewerben, meldete die Deutsche Krankenversicherung im Sommer, nur zwei Prozent der Deutschen lebten rundum gesund. 98 Prozent also nicht. Ein Appell, der absolut realitätsfern scheint. Wer versucht, alle Empfehlungen rund um Essen, Trinken, Rauchen, Stress und Sport zu beherzigen, wird scheitern und landet direkt in der Depression oder in der Zwangsstörung. Man kann sich ja auch fragen, ob das Leben in völligem Verzicht überhaupt lebenswert ist.
Bewusster Genuss statt Askese
Schließlich ist das Leben doch nie ganz risikofrei – ob es nun um zu viel Schokolade, zu wenig Bewegung oder zu gefährliche Sportarten, um Cannabis ja oder nein – oder eben um den Alkohol geht. Das Spektrum von sehr risikofreudig einerseits und übervorsichtig andererseits variiert je nach Charakter stark. Da gibt es Typen, die aus der Stratosphäre auf die Erde springen – und andere, die im Herbst nicht im Wald spazieren gehen, weil sie auf dem nassen Laub ausrutschen könnten. Die einen kommen ins Fernsehen, die anderen lernt man eventuell privat kennen, sofern sie sich aus dem Haus trauen.
Ich sehe mich da irgendwo in der Mitte – und dafür möchte ich auch plädieren: für Mäßigung statt völligen Verzichts, für bewussten Genuss statt verbissener Enthaltsamkeit und – ja – auch für weniger Bevormundung und mehr Toleranz. In die eine wie die andere Richtung.

